Der Essay zum Thema Krieg und Frieden beginnt mit einem hoffnungsvollen und sehr allgemeinen Einstieg. Zwar gehören unzählige Kriege zum Verlauf der menschlichen Geschichte in den verschiedenen Erdteilen und spielen gerade momentan wieder eine besondere Rolle. Doch wenn wir die Evolution ins Auge fassen, in der sich die Gattung der menschlichen Lebewesen entfaltete, dann ist zu betonen, dass sich die friedliche Zusammenarbeit und wechselseitige Hilfe der Menschen untereinander als wichtig erwies. Ohne diese Seite des Verhaltens hätte sich die Menschheit nicht entwickeln können. Auch in Darwins Evolutionstheorie sind Empathie und gegenseitige Unterstützung ein wichtiges Grundelement. Dass es auf der anderen Seite auch die brutale Gewalttätigkeit seit uralten Zeiten gibt etwa im Kampf um Nahrungsmittel, um günstige Lebensräume oder in der herrschaftlichen Unterwerfung von Teilen der Gesellschaft für Dienstleistungen, ist offensichtlich. Zudem war in manchen historischen Entstehungsphasen von gesellschaftlichen Gruppen die gegenseitige Hilfsbereitschaft primär nach innen gerichtet, galt vor allem der eigenen Sippe, dem eigenen Stamm und nach außen hin kam es immer wieder zu konkurrierenden Aktivitäten bis hin zu brutalen Gewalttätigkeiten und eben Kriegen. Doch das eingangs erwähnte Grundelement sollte uns motivieren, auch in schwierigen Situationen unser weiteres Zusammenleben in einer liebevollen gewaltfreien Weise zu gestalten, durchaus auch, wo es erforderlich erscheint, verbunden mit Widerstandsaktionen. „Gewaltfreier Widerstand“ wurde zur Losung zahlreicher und teilweise erfolgreicher Aktionen in jüngerer Zeit.
 
Im Folgenden sollen Beispiele dafür angeführt werden, dass es auch in weit zurückliegenden Epochen engagierte Aktionen des „gewaltfreien Widerstandes“ gegeben hat und etwa auch Eingang in die Literatur fanden. Dazu gehört das Drama ‚Lysistrata‘ des griechischen Dichters Aristophanes, das im Jahre 411 vor Christus uraufgeführt wurde. Es handelt vom Kampf von Frauen Athens und Spartas gegen männliche Krieger und die von ihnen ausgehenden Brutalitäten. Die Frauen wollen den Frieden erzwingen und besetzen die Akropolis. Einige Jahrhunderte später wurde von Jesus Christus ein entschieden gewaltfreies Verhalten angemahnt wie besonders in der ‚Bergpredigt‘ nachzulesen ist. Die ‚Bergpredigt‘ wurde, um einen Sprung ins zwanzigste Jahrhundert zu tun, von Mahatma Gandhi ausdrücklich als historisches Vorbild für sein eigenes Bekenntnis zur Gewaltfreiheit angeführt, wobei es auch noch andere Einflüsse in Verbindung mit Hinduismus und Buddhismus für ihn gab. In dem 1954 in New York erschienenen Buch ‚GANDHI, HIS LIFE AND MESSAGE FOR THE WORLD‘ von Louis Fischer, der mit Gandhi persönlich Gespräche geführt hatte, hieß es (hier in einer deutschen Übersetzung von Renate Zeschitz), im Jahre 1927 habe Gandhi seine Meinung dazu in Ceylon wie folgt formuliert: “ ‚Wenn da nur die Bergpredigt und meine eigene Interpretation dazu wären‘, verkündete er, würde ich nicht zögern zu sagen: O ja, ich bin ein Christ'“. Ein Erklärung dazu findet sich im Buch von Louis Fischer als der Gesprächspartner von Gandhi: „Er erläuterte diese Meinung genauer, als ich ihn im Jahre 1946 besuchte: ‚Jesus besaß eine große Kraft, die Kraft der Liebe. Seine Lehre aber wurde entstellt, als das Christentum seinen Weg nach Westen nahm. Es wurde die Religion der Könige‘ „.
 
Im Zusammenhang mit den Äußerungen von Gandhi bietet sich der Verweis auf einen anderen weltberühmten Pazifisten an, auf den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi, der von Gandhi besonders geschätzt wurde. In seiner Autobiografie (Deutsche Fassung: Gandhi. Mein Leben. Hrsg. von Ilija Trojanow, München, Verlag C.H.Beck, 2020) äußert er sich mehrfach sehr beeindruckt über Tolstoi, so an einer Stelle wie folgt: „Tolstois ‚Das Reich Gottes ist in Euch‘ überwältigte mich geradezu und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“ Im Jahre 1910 gründete Gandhi während seiner Zeit in Südafrika zusammen mit einem Freund eine Gemeinschaftsunterkunft mit dem Namen ‚Tolstoi Farm‘ in der Nähe von Johannisburg als eine Stätte der Politik des gewaltfreien Widerstandes.
 
Tolstois Roman ‚Krieg und Frieden‘, erschienen 1868/1869, wurde weltweit gewürdigt als ein eindrucksvolles Manifest der Kriegsgegnerschaft. Das Buch bezieht sich einmal ganz konkret auf Kriegsereignisse im Zeitalter Napoleons von 1805 bis 1812, thematisiert aber darüber hinaus den Krieg allgemein als eine Form des gewalttätigen gesellschaftlichen Agierens, in dem Machtorganisationen wie der Staat  dem natürlichen unentfremdeten Leben entgegengesetzt sind.
 
Das Misstrauen gegenüber der staatlichen Macht erinnert an Positionen anarchistischer Bewegungen, auf die hier im Kontext des Themas ‚Kriege und Aufbrüche zum Frieden‘ zu verweisen ist und insbesondere auf solche, die betont gewaltfreie Lösungen gesellschaftlicher Konflikte anvisieren. Als Beispiel aus jüngerer Zeit soll ein Buch mit dem Titel „Ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert“ angeführt werden, herausgegeben von Bernd Drücke im Verlag Unrast in Münster, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2018 (die hier herangezogen wird). Ein Kapitel, das besonders in den Blick gerückt werden soll, hat den Titel „Gewaltfreier Anarchismus und Graswurzelrevolution“. Darin werden Interviews mit Helga Weber und Wolfgang Zucht geführt, die ihre Aktionen, über die sie berichten, unter den Begriff „Anarchopazifismus“ stellen. Das Kapitel bietet anschauliche Informationen über verschiedene Zusammenschlüsse und auch Medien, an denen sie verantwortlich beteiligt waren. Zu letzteren gehörte die Zeitschrift ‚Direkte Aktion – Blätter für Gewaltfreiheit und Anarchismus‘ und die 1972 gegründete Monatszeitschrift ‚Graswurzel-revolution‘. Helga Weber war in den 1970er und 1980er Jahren während ihres Aufenthalts in London Ratsmitglied der internationalen Antikriegsvereinigung WRI, ‚War Resisters International.‘
 
Zu einer anarchistischen Orientiertierung bekennt sich auch Noam Chomsky, international renommierter Sprachwissenschaftler, Philosoph und Friedensaktivist, der hier besonders herausgehoben werden soll. Er hat sich in der Vergangenheit über einen langen Zeitraum hinweg sowohl in den Medien als auch in eigenen Publikationen über Kriege in Korea, in Vietnam, im Irak, iim Kosovo u.a.m. kritisch sowie mit pazifistischen Appellen geäußert. In jüngster Zeit erschien das Buch: Noam Chomsky, Rebellion oder Untergang! Ein Aufruf zu gobalem Ungehorsam zur Rettung unserer Zivilisation. Aus dem Englischen von Michael Schiffmann. Westendverlag Frankf./M. 2021 (Die Originalausgabe erschien 2020 im Verlag Routledge). Den Begriff „Untergang“ im Titel bezieht er sowohl auf Kriegsauswirkungen, insbesondere das Zurückgreifen auf Atomwaffen, wie auch die Drohung einer Umweltkatastrophe.
 
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Der folgende Abschnitt des Essays wird zunächst konträre Argumente zu den hier dargebotenen einer grundsätzlichen Kriegs- und Gewaltablehnung einbringen, die nicht als absolut aufgefasst werden können. Kriegsbeteiligte Gruppierungen, die angegriffen werden und zurückschlagen, äußern nicht selten: „Wir konnten uns nicht einfach alles gefallen lassen.“ Selbst Ghandi hatte für die Notwehrbegründung Verständnis. In einer seiner autobiografischen Schriften nennt er als mögliches Beispiel einen etwaigen lebensbedrohenen Überfall in seiner Wohnung, in der er sich mit seinem Sohn zusammen aufhält. In einem solchen Falle würde er es befürworten, dass sein Sohn sich mit Gewaltanwendung wehrt und dem Vater das Leben rettet. In dieser Weise wurde auch von anderen grundsätzlich pazifistisch orientierten Personen eine eventuell gewaltsame Reaktion gerechtfertigt, nicht nur in individuellen Konfrontationen sondern auch in der Kriegsführung, wenn auch nur in Ausnahmefällen. Der russische Anarchist Kropotkin etwa hat bestimmte widerständige Kriegshandlungen im Zeitalter der Napoleonischen Angriffe befürwortet. Ganz besonders ist in diesem Zusammenhang der Wissenschaftler und weltbekannte Pazifist Bertrand Russell anzuführen. Er wurde als solcher besonders einflussreich in Zeiten der Gefahren eines neuen Atomangriffs und veröffentlichte dazu 1958 zusammen mit Albert Einstein und anderen das ‚Russell-Einstein Mainifest‘. Ab 1958 war er auch Präsident der neu gegründeten ‚Campaign for Nuclear Disarmament‘. Bei Aktionen in Verbindung damit war strikte Gewaltfreiheit und dennoch auch Widerständigkeit angesagt. So ließ er sich etwa in einem berühmt gewordenen Sitzstreik auf dem Trafalgar Square von Ordnungskräften forttragen. In den 1960er Jahren kam es zur Gründung der ‚Bertrand Russell Peace Foundation‘, zu der u.a. die Opposition gegen den amerikanischen Einsatz  im Vietnamkrieg gehörte. Bei aller Kriegsgegnerschaft nahm Russell eine solche Haltung jedoch nicht im Falle des Zweiten Weltkriegs ein. Während sein 1935 veröffentlichtes Buch ‚Which Way to Peace‘ noch die Bereitschaft zu Übereinkunft und Gewaltlosigkeit betonte, rückte er in den 1940er Jahren von der Position ab und sah es als notwendig an, gegen die deutsche Armee und damit das Regime der Nazis in den Kampf zu gehen, um einen Sieg zu erringen.
 
In solchen Fällen ist der Ausnahmecharakter des Geschehens hervorzuheben, eine grundsätzliche Kriegsablehnung und Einforderung einer gewaltfreien Widerständigkeit ist dadurch nicht in Frage gestellt. Ich möchte zu diesem Themenbereich noch auf den Historiker Eugen Rosenstock-Huessy hiweisen, dem ich selber während meiner Schul-und Studienzeit begegnet bin. Obgleich ein vehementer Kriegsgegner, sah Rosenstock-Huessy, in die europäische Geschichte zurückblickend, auch Gewalt legitimiert, wenn sich die zugrundeliegenden Ideen auf einen politischen Revolutionsgeist stützten. Wenn es aber die Idee des Staates ist, Gewalt zu legitimieren ohne zu bestimmen, welche anderen Möglichkeiten es noch gibt, dann ist, so Rosenstock-Huessy, Widerstand dagegen einzubringen.
 
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Im Sinne einer solchen Widerständigkeit wurde auch dieser Essay verfasst aber das mag als verträumt angesehen werden. Welche Einflussnahme ist auf einer derartigen Protestebene überhaupt möglich, wenn es um Entscheidungen von Staatsregierungen in globalen Zusammenhängen geht?  Als Anwort auf den Vorwurf einer Verträumtheit bietet sich das Ende von John Lennons Song ‚Imagine‘ an: „You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one. / I hope someday you’ll join us / And the world will be as one.“ John Lennons verheißungsvollen Worte sind grundsätzlich und langfristig gemeint ebenso wie die Verse „Imagine all the people / Livin‘ life in peace / Imagine all the people / Sharing all the world“, die den oben zitierten vorangehen. Dass es sich um einen Song handelt, der um die Welt gegangen ist und in seiner Botschaft weithin unterstützt wird, kann die Hoffnung wecken, dass eine große Zahl von Menschen international solche Wünsche teilen und sie unterstützten, wo es ihnen möglich ist.
 
Zur gleichen Zeit ließ der amerikanische Songwriter Bob Dylan seine Antikriegslieder um die Welt gehen. Sein Lied „Blowing in the Wind“ wurde als „pazifistische Hymne der Antikriegsbewegung einer ganzen Nation“ (so im Kommentar von Wikipedia) bezeichnet. In den Versen heißt es u.a. „Yes, and how many times must the cannonballs fly / Before they’re forever banned? / … Yes, and how many ears must one man have / Before he can hear people cry? / Yes and how many deaths will it take ‚till he knows / That too many people have died? //.“
 
Kriege waren in vergangenen Epochen, in denen es noch keine Atombombendrohung und keine Weltkriege gegeben hatte, in hohem Maße eine Selbstverständlichkeit wenn auch nicht unbedingt wünschenswert. Sie wurden etwa in literarischen Epen und Dramen thematisiert wie in Homers ‚Ilias‘ oder Shakespeares ‚Hamlet‘, um nur zwei von vielen Werken zu nennen. Bewegungen zur Friedenswahrung und gegen Gewalt in neuerer Zeit mögen eine begrenzte Wirkung haben. Aber sie haben auch Aufschwünge erlebt und weitere sind zu erhoffen. Zukünftig eine Welt ohne Kriege?