Zur Widerständigkeit etablierter Medien im Verlauf gesellschaftlicher Fortentwicklungen

Im Zuge von gesellschaftlichen Entwicklungen sowie von technischen Neuerungen entstehen oftmals neue Kommunikations- und Informationsmedien, die nach ihrem jeweiligen Aufstieg mitunter eine starke Dominanz erlangen und bisherige Medien verdrängen, ohne sie zumeist ganz zu ersetzen. Die in ihrer Präsenz häufig eingeschränkten älteren Medien, die oft vorschnell totgesagt werden, erfahren nicht selten eine neue Stärke, indem sie sich auf Funktionen der Vermittlung konzentrieren, die von den aufsteigenden neuen Medien nicht oder kaum bedient werden.

In meiner im Max Niemeyer Verlag veröffentlichten Habilitationsschrift mit dem Titel ‚Journalismus und Literatur‘ sowie dem langen Untertitel ‚Zum Verhältnis von Zeitungswesen, Literatur und Entwicklung bürgerlicher Öffentlichkeit in England im 17. und 18. Jahrhundert‘ (Tübingen 1983) wird gleich auf der zweiten Seite der Einleitung exemplarisch die Vision eines medialen Untergangs – das Ende der „poetry“ im Zuge des Aufstiegs der Zeitung als eines neuen Mediums – angedeutet, wenn der dort zitierte Herausgeber eines Essayperiodikums in der Ausgabe vom Februar 1701 schreibt, er sei irritiert über die Verkäufer auf den Straßen („the Hawkers“), die täglich laut die aktuellen Zeitungsnachrichten („Plots and Projects“) anpreisen, während die ebenso von ihnen angebotene Dichtung kaum noch beachtet werde: „… I find the Hawkers confounding with the medley of Wares, crying out aloud the Plots and Projects in one hand, whilst Poetry, having no Body to speak for it, and not being able to speak for itself, lies carelessly neglected in the other hand.“

     Die Zeitung erlebte in England eher als in anderen Ländern eine starke Verbreitung, wurde im Laufe der Zeit zum allgegenwärtigen Medium der öffentlichen Kommunikation und ist heute, über dreihundert Jahre später, obgleich inzwischen eingeholt von Radio- und Fernsehnachrichten sowie vom Internet, immer noch sehr mächtig präsent. Die Aufstiegsversion lag also nicht falsch, die indirekt angedeutete Perspektive eines Verschwindens von „Poetry“ war um 1700 jedoch total verfehlt, wenn wir an neue Blütezeiten der Versdichtung in späteren Epochen denken, in England an Gedichte von Wordsworth, Coleridge, Shelley, Keats und Byron oder später an solche von Tennyson, Eliot, Yeats u.a.m.. Als Nachrichtenvermittlerin, als „Broadside Ballad“, verlor die Versdichtung zweifellos ihre konkrete Bedeutung, die sie einstmals durchaus hatte, aber sie konzentrierte sich umso mehr auf andere auch bisher schon in ihr enthaltene Wirkungspotentiale wie die Entfaltung von utopischen Phantasien, die gedankliche Reflektion oder „the music of poetry“ (so ein von T.S. Eliot verwenderter Begriff) in der Sprachgestaltung.

Es gab später andere Totsagungen, so etwa der Malerei, als die Fotografie aufkam, des Theaters auf der Bühne nach der Verbreitung des Kinofilms und dann wieder dessen Verabschiedung, als das Fernsehen in alle Haushalte einkehrte – ein Medium, das sich gegenwärtig ungeachtet des Internets und ständiger Blicke auf das Smartphone weiterhin erhält.

Als eine besonders berühmte theoretische Auseinandersetzung mit solchen Entwicklungen ist Walter Benjamins Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (zum ersten Mal veröffentlicht in französischer Übersetzung im Jahre 1936, in Deutschland dann 1955 in Frankfurt/M.) anzuführen. Daraus seien hier zwei Sätze zitiert, die den viel beachteten Kernbegriff des Textes enthalten: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunstwerke verkümmert, das ist seine Aura. Der Vorgang ist symptomatisch, seine Bedeutung weist über den Bereich der Kunst hinaus.“ Benjamin geht bei seinen Beispielen auf neu entwickelte Drucktechniken ein, auf das Verhältnis von Theater und Kinofilm und insbesondere auch auf die Möglichkeiten der Fotografie.

      Um dem Eindruck entgegenzutreten, es handele sich hier theoriegschichtlich um eine gestrige Sichtweise, die den neuesten Entwicklungen im digitalen Zitalter nicht mehr adäquat sei, möchte ich als Hinweis zwei umfangreiche Bücher herausgreifen und einfach nennen. Das eine ist in englischer Sprache unter dem Titel ‚Walter Benjamin and Art‘ im Jahre 2005 im Continuum Verlag (London und New York) erschienen und enthält zum Abschluss zwei Essays, die „The Work of Art  in the Age of its Electronic Mutability“ und dann  „Rehearsing Revolution and Life – The Embodyment of Benjamin’s Artwork Essay at the End of the Age of Mechanical Reproduction“ überschrieben sind. Die Titel dieser Beiträge lassen in ihrer Formulierung bereits erkennen, dass in dem Buch auch die aktuelle Entwicklung des Eintritts ins digitale Zeitalter angesprochen wird.

     Die andere hier zu nennende Publikation, ein dreihundertseitiges Buch mit 18 Beiträgen, erschien im Jahre 2014 im Chronos-Verlag unter dem Titel: ‚Aura und Auratisierung. Mediologische Pespektiven im Anschluss an Walter Benjamin‘. Es liest sich als teilweise kontrovers geführte Debatte, geht dem Aura-Begriff auch historisch nach und weist auf das Problem hin, dass Benjamins Terminus manchmal missverstanden worden ist im Sinne einer esoterischen mystifizierenden Orientierung.

Im Folgenden soll hier zunächst  speziell auf Bedeutungsveränderungen des Kinofilms eingegangen werden. Es kam zu Schwanengesängen für dieses Medium in der Zeit des Aufkommens und der allseitigen Verbreitung des Fernsehens. Dass solche Prognosen in relativ hohen Graden zutrafen, lässt sich nicht leugnen.  In den 1950er Jahren etwa zog es große Massen noch ständig in die Kinos, von denen es unzählige gab, vielfach sogar in größeren Dörfern. Sie verschwanden im Fernsehzeitalter dann zu einem großen Teil.

     Ist es also gestorben, das Kino? Was ist dann mit den jährlichen Filmfestspielen in Locarno, Venedig und Cannes sowie der stark frequentierten Berlinale und den begehrten Auszeichnungen wie der Goldenen Palme, den Oscars, dem Goldenen Bären u.a.m.?

     Es sind nicht mehr die gleichen Arten von Filmen die in heutigen Kinos, im Vergleich mit denen in den 1950er Jahren, bevorzugt aufgesucht werden. Ein Krimi oder eine Krimiserie werden eher zu Hause vor dem Bildschirm voller Spannung verfolgt um dann, wenn der Mörder gefasst und die etablierte Ordnung wieder hergestellt wurde, entspannt ins Bett gehen zu können. Einen Aufstieg erlebten im Fernsehzeitalter dagegen die primär an ein Kinopublikum gerichteten sogenannten ‚Autorenfilme‘, in Deutschland u.a. die von Rainer Werners Fassbinder, Wim Wenders oder Helma Sanders-Brahms und in Großbritannien von ‚film makers‘ wie Kenneth Branagh, Bill Forsyth, Stephen Frears, Peter Greeneway, David Hare, Derek Jarman, Hanif Kureishi, Ken Loach, Mike Leigh oder Michael Winterbottom. Mit einigen von ihnen, wie etwa Ken Loach, habe ich ein Interview geführt für die von mir mit ins Leben gerufene und redaktionell betreute deutsch-englische Zeitschrift Hard Times. Sicherlich tauchten deren Filme dann zeitlich verschoben auch in den Fernsehprogrammen auf, aber oft eher zu später Stunde für ein begrenztes Zielpublikum.

    Zu den Interviews für Hard Times ist noch eine Anmerkung hinzuzufügen, etwa im Falle eines Interviews anlässlich einer Berlinale mit Tilda Swinton, die kürzlich auf der Berlinale 2025 noch einmal eine besondere Auszeichnung erhielt. Sie blätterte in den von mir mitgebrachten Hard Times-Heften herum, nahm das Layout und die Themen der Artikel wahr, betrachtete die zum Teil recht phantasievollen Cover-Gestaltungen, nickte anerkennend und war bereit zu dem Interview. Sie ließ sich, um Benjamins Begriff noch einmal heranzuziehen, wohl ein bißchen von der Aura unserer Zeitschrift beeinflussen.

 Abschließend sei hier der mediale Bereich der Zeitungen und Zeitschriften angesprochen. Einerseits ist als Signal für eine mögliche Bedrohung der Zeitung in Papierform öffentlich wahrgenommen worden, dass z.B. der Springer-Verlag aus finanziellen Gründen eine partielle Verabschiedung einiger seiner Blätter zugunsten von Online-Ausgaben realisierte. Andererseits ist gerade unter diesen Umständen auf die erstaunlich stark weiterbestehende Präsenz der Zeitungslandschaft überall in der Stadt in Form von Kiosken, in Supermärkten etc. hinzuweisen. Es hat in diesem Bereich in jüngerer Zeit verschiedentlich öffentlich geäußerte Hinweise auf die unersetzlichen kommunikativen Elemente der überkommenen Medien gegeben. Exemplarisch seien hier zwei in Berlin erscheinende Zeitungen, der Tagesspiegel und die linksorientierte Junge Welt, angeführt. Der Tagesspiegel enthält in seiner Ausgabe vom 4. November 2020 eine ganzseitige Anzeige mit dem Slogan „Print macht stark“ und einen Verweis dazu auf ein Portal im Internet, das also durchaus genutzt wird für die Botschaft, unter ‚printmachtstark.com‘. Wer sie aufruft, stößt auf zitierte Bemerkungen von Personen, die eine solche Ansicht unterstützen, so die auf englisch wiedergegebene Äußerung des Bestsellerautors Ken Follet: „We need the truth, and the truth needs print.“ 

     Die Junge Welt fasst in ihrer Ausgabe vom 1./2. Februar 2020 in einem Statement der Redaktion in mehreren Punkten ihre grundlegenden Aufgabenstellungen zusammen, zu denen die Intention gehört, wie es unter Punkt drei heißt, die Zustände nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verändern. Daran schließen sich die Sätze an: „Weil hierfür bestimmte Medien besonders geeignet sind, hat viertens der Kampf für die gedruckte und täglich erscheinende Tageszeitung an Bedeutung zugenommen. Das gilt auch für die von ihr abgeleitete Onlineausgabe der Jungen Welt, die sich an den Stärken der gedruckten Version orientiert (zum Beispiel hilfreiche Gewichtung und klare Eingrenzung) und gleichzeitig eigene Stärken zum Tragen bringt (etwa Verfügbarkeit, gezielter Zugriff, Themensammlungen). Grundsätzlich bleibt aber die gedruckte Ausgabe – viele Verlage verabschieden sich derzeit von diesem wichtigen Kulturgut.“ 

     Andere Aspekte von Vorteil und Nachteil der überkommenen Medien im Verhalten zur digitalen Sphäre seien hier noch kurz erwähnt. In dem 2013 in Oxford veröffentlichten Buch von Paul Cockshott, ‚Computation and its Limits‘, werden durchaus überzeugend die hoffnungsvollen und emanzipatorischen Seiten der Internetkommunikation sehr hoch eingeschätzt, die Möglichkeiten etwa der engagierten Vernetzung und Kommunikation. Zu beachten sind dann auch wiederum andere gegensätzliche Aspekte wie „Fake News“ im Internet, Hasstiraden, Ausspionierung zu politischen wie zu kommerziellen Zwecken u.a.m., zu denen es ebenfalls  Publikationen gibt.

     Die von mir und einem Team betreute Kiezzeitschrift Kreuzberger Horn will von Interessierten im Umfeld direkt gelesen werden, in Papierform, die Nachfrage ist nach dem Erscheinen jedesmal groß, aber die zurückliegenden Hefte sind in einem Blog dann auch im Internet zu lesen – so wie diese Website.