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Überlegungen zu Dezentralisierungen in geschichtlichen Prozessen und in der Gegenwart, international und vor Ort

Überlegungen zu Dezentralisierungen in geschichtlichen Prozessen und in der Gegenwart, international und vor Ort

Die Anstöße zu dezentralen gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich mit dem Blick auf ein begrenztes lokales Zusammensein
reflektieren – auf die Nachbarschaft, den Stadtteil, den Kiez – wie
auch zeitbezogen mit Hinweisen auf historische Bögen sowohl
kurzfristig etwa die vergangenen Jahrzehnte betreffend als auch
langfristig über viele Jahrhunderte hinweg. In den folgenden Ausführungen soll beides geschehen. Dabei schwingen zahlreiche Themen und Auseinandersetzungen im Hintergrund mit, die hier in einem auf Kompaktheit bedachten Essay allenfalls gelegentlich kurz erwähnt, aber nicht im Detail angeführt werden können. Eine Ausnahme mit exemplarischer Bedeutung lasse ich dabei den Überlegungen von Aldous Huxley in den 1930er Jahren zukommen, da sie im literarischen wie im politisch-gesellschaftlichen Feld besonders starke Beachtung fanden und auch mich selber in einer bestimmten Phase meiner Studien stark berührten.
     Generell ist vorwegzunehmen, dass Bemühungen um gesell-schaftliche Dezentralisierungen, die sich oft gegen autokratische Machtansprüche richten, in widersprüchliche Prozesse eingebunden sind, immer wieder auf gewisse unabdingbare Grenzen stoßen und in einem dialektischen Spannungsverhältnis reflektiert werden sollten. Für die jüngste Zeit sind zudem neue Situationen zu berücksichtigen, die sich aus dem Einstieg in das digitale Zeitalterergeben haben. 

Geschichtliche Entwicklungen – das Beispiel der englischen ‚Levellers‘.
Im Verlaufe der Geschichte hat es in verschiedenen Epochen und ganz besonders in revolutionären Zeiten Impulse zum Abbau zentralistischer Herrschaftsapparate und zum Ausbau gemein-schaftlicher Zusammenschlüsse ‚von unten‘ gegeben, die sich noch nicht langfristig durchsetzen konnten, aber doch auch nicht völlig in Vergessenheit gerieten und in  späterer Zeit zum Teil wieder neue Beachtung erfuhren. So geschah es auch im Falle des Aktivisten und Verfassers politischer Schriften Gerrard Winstanley, der im Folgenden als historisches Beispiel aus den Jahren der englischen Revolution im 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Gruppen ‚The Diggers‘ und ‚The True Levellers‘ angeführt werden soll.  
     Friedrich Engels erblickte später in seiner Schrift von 1892 über “Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ in dem quasi noch verfrühten rebellischen Vorpreschen von Vertretern der unteren Klassen eine allgemeinere Gesetzmäßigkeit von Umwälzungen nach dem Ausgang des Mittelalters. In den frühen
bürgerlichen Revolutionen, so schreibt er, brachen bereits  “…selbständige Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations- und Bauernkriegszeit die Thomas Münzersche Richtung, in der großen englischen Revolution die Levellers, in der großen französischen Revolution Babeuf.“
In dem Zitat ist generell von “Levellers“ die Rede, ohne dass die
Strömung, für die Winstanley sprach, davon abgehoben wird. Winstanley konnte in der Tat insoweit als ein “Leveller“ – also als ein
Egalitärer, ein politischer Gleichmacher – betrachtet werden, als er
die Leveller-Forderungen wie etwa die Erweiterung des Wahlrechtes auf alle Klassen unterstützte. Es hatte aber seinen guten Grund, dass er in seinen Schriften speziell von den “True Levellers“ sowie dann auch von den “Diggers“ – den Grabenden – sprach, wenn es um die Gruppe um ihn herum ging. Die ‘Levellers’ ohne das Attribut „true“ waren eine liberale Bewegung. Es ging dieser Fraktion der Revolutionsbewegung vor allem um die politische und rechtliche Gleichstellung aller Individuen in einer Republik. Ihre Wahlrechts-forderungen sollten erst zwei Jahrhunderte später eine Chance der allmählichen Realisierung erhalten. Bestehendes Privateigentum war jedoch zu schützen. Für Winstanley ging es dagegen um eine grundlegende Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Er wurde später als derjenige bezeichnet, der zum erstenmal deutlich die Einheit von politischer und ökonomischer Gleichstellung als Voraus-setzung für eine wirkliche Demokratisierung der Gesellschaft in den Blick rückte. Zugleich ging es ihm in seinen Schriften und Aktionen auch um die Entfaltung herrschaftsfreier Gemeinschaftsformen.  
     Die ‘Digger’-Aktivitäten, zu deren Initiatoren Winstanley gehörte,
nahmen im Revolutionsjahr 1649 ihren Anfang. Das Gelände in Surrey, auf dem sie in Gang gesetzt wurden, war ein brachliegendes
Gemeindeland, auf englisch “common“ genannt, das niemand als
Privatbesitz beanspruchen konnte – noch nicht, muss hinzugefügt
werden, denn es vollzog sich ein rapider Privatisierungsprozess, der
unter dem Stichwort “enclosures“ – Einhegungen – in die Geschichts-bücher eingegangen ist. Er gehörte zu den wichtigen Antriebskräften für den Aufschwung der kapitalistischen Wirtschaftsweise.        Winstanley Winstanley   und eine kleine Gruppe von entschlossenen Leuten aus der Umgebung besetzten das Areal am 1. April 1649, errichteten Hütten zum Wohnen und machten sich daran, den Boden umzugraben, zu düngen und Getreide und Gemüse anzubauen mit der Absicht, die Erträge später anmbesonders Bedürftige kostenlos zu verteilen. Das weithin Aufsehen erregende Unternehmen stieß sofort auf den Widerstand von Seiten ortsansässiger Grundbesitzer. Sie wandten sich an den Staatsrat mit der Bitte um militärische Intervention. Der beauftragte General informierte sich vor Ort, diskutierte mit Winstanley, hielt die ganze Sache für harmlos und lehnte ein Eingreifen daher ab. Es gab zu diesem Zeitpunkt nach den
Bürgerkriegsereignissen und einige Wochen nach der (vorüber-gehenden) Abschaffung der Monarchie in der jungen, als ‘Commonwealth’ bezeichneten Republik vermutlich noch eine verbreitete, aus dem gemeinsamen antifeudalen Kampf herrührende Solidarität. Die Grundbesitzer in der Umgebung ruhten jedoch nicht, es kam zu neuen Attacken und die Kommune musste ihr Unter-fangen im Jahre 1650endgültig aufgeben Winstanley veröffentlichte in diesen Monaten mehrere Pamphlete mit Titeln wie „A Declaration from the Poor Oppressed People of England“ oder „An Appeal to the House of Commons“, die sich direkt auf das Diggers-Projekt bezogen. In „An Appeal to all Englishmen“ ging es ihm darum, Digger-Gruppen, die sich jetzt auch in anderen Gegenden des Landes bildeten, anzuspornen, und in der Publikation mit dem langen
thesenartigen Titel „A Vindication of those whose Endeavours is only
to make the Earth a Common Treasury, called Diggers“ bemühte er sich, die ernsthaften Ziele des Unternehmens herauszustellen und sie von denen bestimmter anderer Gruppen sowie auch Sekten zu unterscheiden. In der Zeit danach verfasste Winstanley u.a. seine umfangreichste und für manche Kommentatoren wichtigste Schrift: „The Law of Freedom in a Platform“. Das 1652 veröffentlichte Werk entwirft das Bild eines künftigen Staates, in dem es kein Privateigentum an Produktionsmitteln, keine lohnabhängigen Arbeitsverhältnisse, kein Geld und keine Marktbeziehungen mehr gibt. U.a. werden in ihr auch Vorschläge für eine recht modern anmutende, an heutige polytechnische Modelle erinnernde Schulerziehung gemacht.
     Wir wissen nicht genau, wie die Digger-Gemeinschaft organisiert
wurde, und es gibt auch keine Informationen über irgendeine Art von
Vernetzung zwischen den Initiativen dieser Art, die an verschiedenen
Orten entstanden. In Winstanleys begleitenden Pamphleten wird jedoch unverkennbar ein egalitärer, auf Gemeinschaftlichkeit setzender und zugleich antiautoritärer Ton angeschlagen. Die kirchlichen und staatlichen Institutionen werden als Gegner angesehen, und letzteren wird vorgeworfen, dass sie nach dem Triumph über Aristokratie und absolute Königsherrschaft im Zuge der Revolution jetzt ebenso herrschsüchtig sind wie diese. Anders verhält es sich jedoch mit Winstanleys Utopie in seiner letzten Schrift, „The Law of Freedom“. Das dort gezeichnete Bild einer künftigen egalitären Gesellschaft ohne Lohnarbeitsverhältnisse schließt eine regulierende Staatsmacht mit einem Parlament an der Spitze nicht aus. Sie erscheint in ihrer Gewaltausübung zwar stark reduziert, da die bisherigen Eigentumsunterschiede aufgehoben sind. Aber damit alles wie etwa die Verteilung von Lebensmitteln organisiert werden kann, sind bestimmte Arten der staatlichen Regulierung offenbar notwendig Der lange historische Konflikt zwischen antiautoritären und etatistischen Strömungen des Sozialismus scheint hier mit den zwei Ausrichtungen in ein und demselben Gesamtwerk vorgegeben zu sein. Anarchisten, die Winstanley in jüngerer Zeit zu den Ihrigen
rechneten, haben „The Law of Freedom“ dabei explizit ausgeschlossen. Es gibt indessen keinen Hinweis darauf, dass solch ein Konflikt in Winstanleys Kopf selbst stattgefunden hat; für ihn ließen sich die konträren Formen anscheinend situationsbedingt miteinander verquicken. Vielleicht können sich in der Gegenwart diejenigen darauf berufen, die um Formen einer dialektischen Verbindung beider Richtungen bemüht sind. Der Bekanntheitsgrad der Diggers war in der historischen Erinnerung für eine längere Zeit relativ gering. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es zu einer größeren Zahl von Studien und Werkausgaben in England, für die manche Schriften von Winstanley erst noch zu entdecken waren. Gruppen der antiautoritären Gegenkultur befassten sich mit den Diggers und ihrem Hauptakteur dann in den 1960/70er
Jahren, ein Film mit dem Titel „Winstanley“ entstand, der auf
großes internationales Interesse stieß und die historische Bewegung
war jetzt zumindest für eine Weile der Vergessenheit entrissen.

Aldous Huxleys Überlegungen zu gesellschaftlicher Dezentralisierung

Aldous Huxley äußerte sich theoretisch zum Thema Zentralisierung und Dezentralisierung im gesellschaftlichen Miteinander insbesondere in den Kapiteln „Centralization and Decentralization“ und „Decentralization and Self-Government“ in seinem 1937
veröffentlichten Buch „Ends and Means“. In dem erstgenannten der beiden angeführten Kapitel verweist er zunächst auf die Meinung
verschiedener zeitgenössischer Theorien und Bewegungen in ihrer
Ablehnung eines zentralisierten autoritär regierten Staates. Sehr
allgemein schließt er in diesen Konsens auch marxistische Strömungen ein und verweist auf Äußerungen von Marx und Engels, denen zufolge der Staat in den bestehenden Gesellschaften dem Zweck dient, die Privilegien der herrschenden Klasse abzusichern. Dabei seien sie, daran wird in diesem Zusammenhang erinnert, der optimistischen Ansicht gewesen, dass der Staat nach einer vom Kommunismus in Gang gesetzten Revolution von selbst absterben werde („automatically wither away“). Dieser Vision geht Huxley in dem Essay sehr speptisch nach, wozu ihm in den späten 1930er Jahren der Blick auf die Sowjetunion in der Stalin-Ära einen besonderen Anlass gab. Er nimmt aber auch auf Länder mit bürgerlichen Demokratien wie u.a. Großbritannien Bezug und führt insbesondere die Bereitschaft zum Kriegführen, sowohl mit Verteidigungs- als auch mit Angriffsabsicht, als Stimulation für die Herausbildung eines tendenziell zentralistischen Staatssystems an.
In dem sich anschließenden Kapitel „Decentralization and
Self-Government“ wendet der Verfasser sich Fragen zu, die hier
eingangs mit dem Hinweis auf widersprüchliche Prozesse und notwendige Begrenzungen von antistaatlichen Dezentralisie-rungsperspektiven angedeutet wurden. Die Anarchisten, so beginnt er das Kapitel, wollen den Staat abschaffen, und dies sei sicherlich ein verständlicher Wunsch angesichts seiner Instrumentalisierung durch die herrschenden Klassen und durch machtbesessene Diktatoren. Aber es dürfe nicht übersehen werden, dass bestimmte generell verbindliche Institutionen auch im Zuge einer dezentralen Entwicklung erforderlich seien. So müsse es verwaltende Einrich-tungen geben, die u.a. eine Koordinierung der verschiedenen aktiven Gruppen ermöglichen, die einen Gesamtzusammenhalt garantieren oder die verhindern, dass bestimmte selbstverwaltete Organisationen sich in Richtung neuer machtbesessener Oligarchien entwickeln. Sofern der Begriff ‚Staat‘ sich mit zu finsteren Assoziationen verbinde, müsse irgendwann ein anderes Wort an die Stelle treten, da das aber bisher im allgemeinen Sprachgebrauch nicht existiere, werde er selber in seinen Ausführungen das „bad old word“ weiter verwenden.
     Als wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung für das Leben
der Individuen wie auch für die Gesamtgesellschaft bezeichnet Huxley den gewaltfrei verlaufenden Prozess einer Dezentralisierung mit einem überall bestehenden Zusammenhang von selbstverwal-teten Gruppierungen („self-government all round“). In den folgenden Abschnitten des Kapitels trägt er dann seine Ideen für selbstverwal-tete Zusammenschlüsse vor.
     Das grundlegende Element für eine umfassende Selbstverwaltung, die sowohl den großen gesellschaftlichen Zusammenhang als auch das Alltagsleben von Individuen in direkter Weise berühren sollte, ist in Huxleys Ausführungen die Gruppe – „the group“. Sie unterscheidet sich von der großen Menschenmenge -„the crowd“ – quantitativ durch die Anzahl der Dazugehörigen und qualitativ durch die Art und Intensität der geistigen und emotionalen Teilnahme von Individuen. Während die begrenzte Gruppe den Entfaltungsmöglichkeiten eines Individuums förderlich sein kann und ihm insofern überlegen ist, lässt sich von der unbestimmten Masse sagen, dass sie ihm mental unterlegen ist. Ihre Atmosphäre kann „dionysisch“ und rauschhaft sein und Individuen die Gelegenheit bieten, hineinzutauchen, um sich von Begrenzungen des Ego, auch den eventuell als unliebsam empfundenen, zu befreien. Der Erfolg von Diktatoren basiert, so Huxley, zu einem nicht unwesentlichen Teil darauf, dass sie dieses individuelle Bedürfnis nach einer Flucht vor persönlichen Begrenzungen geschickt auszunutzen verstehen. Dass es dafür zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation im Jahre 1937 eklatante Beispiele gab, bedarf kaum der Erwähnung.
Es folgen in dem Kapitel Überlegungen zu Abgrenzungen zwischen Gruppe und Masse sowie zur Mindestgröße der ersteren. Die
auf Erfahrungen beruhende optimale Anzahl mag, so Huxleys
Ausführungen, je nach den Aufgabenstellungen schwanken – ein
Zusammenschluss für industrielle oder andere Arbeiten mag eine andere Größe erfordern als einer mit kultureller oder administrativer
Orientierung. Im ersteren Fall kann eine Anzahl von zwanzig oder gar
dreißig Beteiligten wünschenswert sein, während sie im anderen
bereits als ungünstig erfahren wird; aber auch hier erscheinen
weniger als fünf Personen zu gering. Huxley greift in dem
Zusammenhang historisch weit aus und erwähnt die offenbar optimale Anzahl der zwölf Jünger, die Jesus umgaben.
Als Einwand gegen eine dezentralisierte Selbstverwaltung ist
besonders häufig der Begriff der Effizienz ins Spiel gebracht worden.
Dafür werden in Huxleys Ausführungen Beispiele gebracht. Eine gut
ausgestattete staatliche Pflegeeinrichtung mag in der Tat, so räumt
er ein, in mancher Hinsicht organisatorisch besser funktionieren als
andere Arten der Versorgung von Pflegebedürftigen, aber die größere
Effizienz kann ausgeglichen werden durch wichtige menschliche
Beziehungen in Hilfeleistungen durch die Nachbarschaft und andere
Kreise. Auch von Unterstützern des sowjetischen Staatssozialismus
werde, so erwähnt Huxley, angeführt, dass der Wechsel von den nach
der Revolution gegründeten Selbstverwaltungseinrichtungen hin zu
einer autoritären Verwaltung um der Effizienz unverzichtbar gewesen
sei. In Situationen mit kurzfristigem Handlungsbedarf mögen solche
Argumente nicht völlig von der Hand zu weisen sein, aber Huxley
weist, unter Berufung auf Studien des Wissenschaftlers Dubreuil,
darauf hin, dass gelungene dezentrale Verwaltungen in bestimmten
Bereichen der Effizienz sogar dienlich sein können im Vergleich mit
direkt zentral dirigierten Projekten und Arbeitsprozessen. Allerdings
sei auch hier wiederum anzumerken, dass dabei ein übergeordnetes
koordinierendes Gremium nicht unverzichtbar ist.
In seinem literarischen Werk hat Huxley solche Gedanken zu
den Perspektiven von Zentralisierung und Dezentralisierung sowohl in
antiutopischer bzw. dystopischer – so ein erst später eingeführter
Begriff – wie utopischer Form verarbeitet. Sein berühmter Roman „Brave New World“, der im Jahre 1932 erschienen war, warf einen düsteren Blick in eine künftige Welt der Herrschenden, die in der satirischen Darbietung allerdings zu einer „schönen“ neuen Welt verklärt wird. In der pessimistischen Sichtweise ähnelte das Werk, wenn auch literarisch anders dargeboten, Orwells 1949 erschienenem Roman „1984“  als dem anderen international stark beachteten antiutopischen Bestsellerroman in den Jahrzehnten zwischen 1930 und 1950.
     Eine utopische Zukunftsvision wird dagegen in Huxleys letztem
Roman dargeboten, der 1962 unter dem Titel „Island“ erschien. Bereits in einer neuen Herausgabe von „Brave New World“ im Jahre 1946 hatte Huxley angedeutet, was in der Handlung völlig anders verlaufen würde, wenn es zu einer neuen Version seines Zukunfts-romans käme. In dergeschilderten Gesellschaft würde die Ökonomie eine dezentrale sein und die Politik „Kropotkinesque and co-operative.“ Das Herausheben hier von Pjotr Kropotkin als Theoretiker und Aktivist innerhalb der anarchistischen Bewegung wird nachvoll-ziehbar bei der Lektüre des Romans Island, so etwa, wenn es um das gemeinschaftliche Leben unter Beachtung eines Miteinander von Mensch und Natur geht im Gegensatz zu einem darwinistisch gedachten Recht des Stärkeren innerhalb der Evolution (vgl. Kropotkins Schrift „Gegenseitige Hilfe in der Tier-und Menschenwelt“, zuerst auf englisch 1902 erschienen unter dem Titel „Mutual Aid: A Factor of Evolution“.) Mit der Befürwortung eines radikalen Pazifismus geht der Roman allerdings über Kropotkins
Positionen hinaus. Die Handlung des Romans spielt, ähnlich wie in dem 1516 veröffentlichen Werk „Utopia“ von Thomas Morus, der den Begriff der ‚Utopie‘ einführte, auf einer Insel, aber nicht in einer zeitlich unbestimmten noch fernen Entwicklungsepoche, sondern vor dem Hintergrund einer aggressiv agierenden kapitalistischen Welt in gegenwärtigen Zeiten. Es geht dabei um die profitträchtige Ausbeutung von Ölreserven auf der – von Huxley erfundenen – Insel Pala im Pazifikraum und um die Bedrohung der Palanesen und ihrer dezentral-gemeinschaftlich ausgerichteten Gesellschaftsform, in deren Kultur europäische und asiatische Traditionen verschmolzen sind. Eine besondere Akzentsetzung erfahren dabei buddhistisch-spiritualistische Elemente. Im Handlungszeitraum des Romans sind die Palanesen von einem obrigkeitsstaatlichen Teil der Insel-bevölkerung auf Pala, von einer diktatorisch regierten Nachbarinsel und von einem in Europa agierenden Großkapital bedroht. Sie bauen in dieser Situation umso mehr auf ihre kleinteiligen und dabei hoch entwickelten Gemeinschaftsformen, ihre Konzentration auf das Hier und Jetzt und ihre pazifistische Reaktion auf die Attacken. Der im Dienste von Ölspekulanten aus England angereiste Protagonist des Romans nähert sich im Laufe der Handlung solchen Vorstellungen an, als er mehr über sie erfährt, und verweigert die Durchführung seines Auftrags.       

Kontroversen

Die Hinweise auf eine besondere dezentrale Orientierung in einer
historischen Bewegung wie der anarchistischen bedeutet im
Zusammenhang dieser Ausführungen keine vorbehaltlose Übereinstimmung mit ihren Ansichten. Um das zu signalisieren erscheint es mir geboten, kritische Einwände gegen sie in den Blick zu rücken, ohne dass hier eine Debatte dazu geführt werden kann. Als Gegenpositionseien Zitate aus Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ angeführt und damit aus einem Werk, das in einer sehr umfassenden, ökonomisch, politisch und auch sozialpsychologisch begründeten emanzipationsgeschichtlichen Darstellung in die Zukunft blickt. Bloch  spricht im Zusammenhang mit den Begründern der anarchi-stischen Theorie im 19. Jahrhundert wie Proudhon und Bakunin von einer ‚kleinbürgerlichen‘ Klassenanbindung und er verwirft das „in Unmittelbarkeiten sich erschöpfende Freiheitsgefühl der anarchi-stischen Utopie. Nicht das Kapital ist ihr das Hauptübel, sondern der Staat.“ (In Teil IV, Kapitel 36, S. 668). Hier wären m.E. vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte eines staatlich ausgerichteten Sozialismus mit ‚Zentralkomitees‘ und dgl. neue Diskussionen angesagt, in denen es nicht mehr vorrangig um die detaillierte Darstellung der frühen anti-etatistischen Bewegungen und
die Äußerungen ihrer Protagonisten gehen sollte, sondern um die
Impulse, die mit einer erstaunlichen Langfristigkeit bis ins 20. und
21. Jahrhundert hinein von ihnen ausgingen. Begriffe wie
basisdemokratisch, autonom, antihierarchisch, selbstverwaltet sowie
auch dezentral stehen in dieser Tradition und wurden von
verschiedenen Protestbewegungen immer wieder aufgegriffen. Deren
Aktionen vor Ort, wie ich sie etwa in meinem Buch über den besonderen Bezirk Kreuzberg geschildert habe und in gegenwärtigen Initiativen vor Ort nicht nur gegen staatliche Instanzen, sondern auch gegen das große Kapital etwa vertreten durch international agierende profitorientierte Immobiliengesellschaften. Der Verweis auf den von dem Marxisten Gramsci geprägten Begriff der ‚kulturellen Hegemonie‘ erscheint mir hier geboten. Es geht um die Förderung einer Widerstandskultur bereits innerhalb des bestehenden ökonomischen Systems, um es zu schwächen. Dass dieses damit in absehbarer Zeit nicht kollabiert, dürfte gerade in der gegenwärtigen neoliberalen Periode kaum anzuzweifeln sein.

Vor Ort im Kiez

Aktivitäten mit dezentraler Ausrichtung sind in Berlin in einer
Absetzung von dem gesamten städtischen Gebiet wie auch von der Mitte mit den verschiedenen Regierungssitzen oft auf den Kiez konzentriert, auf das Dörfchen innerhalb der Metropole. Das Wort hat in jüngerer Zeit eine Konjunktur erlebt, findet sich in Namen von Lokalen, Geschäften oder Titeln von Zeitschriften wie im Falle von „Kiez und Kneipe“. Manche nehmen heute an, das Wort habe es in dieser Bedeutung schon immer in Berlin gegeben, was aber nicht der Fall ist. Es hat erst seit den 1970er Jahren seine Verbreitung gefunden. Zuvor stand das aus slawischen Sprachen stammenden Wort „Kietz“ – mit tz geschrieben – über Jahrhunderte hinweg für ärmliche Fischersiedlungen vor den Toren der Stadt. Noch in den 1980er Jahren war es in Berlin nicht üblich, ein lokales Medium als „Kiezzeitschrift“ zu bezeichnen wie heute etwa im Falle des „Kreuzberger Horn“. Der damals übliche Begriff war ‚Stadtteil-zeitschrift‘, womit angedeutet ist, dass der begrenzte örtliche Bereich ein ‚Teil‘ der gesamten Stadt ist. Eine dezentrale Eigenständigkeit ist in das Wort noch nicht eingegangen. Das Wort ‚Kiez‘ wird dagegen heute vielfach mit Zugehörigkeit und Identifizierung von Ansässigen assoziiert. Als Beispiel innerhalb dieses Essays zum Thema ‚Dezentralität‘ wird hier ein Kiez angeführt, der auf Plakaten und in Veranstaltungsprogrammen sowie auf Websites als
‚Yorck-/Großbeerenkiez‘ wie auch ‚Kiez am Kreuzberg‘ benannt wird und in dessen Aktivitäten ich selbst auf mehrfache Weise verwickelt bin. Besonders aktiv ist in diesem Umfeld das ‚Kiezbündnis am Kreuzberg‘, über das im Internet mehr zu erfahren ist unter
www.kiez-am-kreuzberg.de. Es lädt zu jedem ersten Donnerstag im Monat öffentlich über Plakate in der Umgebung sowie auch über Newsletters im Internet zu einem ‚Kiezratschlag‘ ein, aus dem jeweils lokale Ereignisse und Probleme diskutiert werden – Verkehrsprobleme und umweltschützende Reduzierung des Autoverkehrs im Kiez, ökologische Aktivitäten zur Verhinderung nicht unbedingt erforderlicher Baumfällungen und Pflanzenbeseitigungen; Leerstände und besondere Fälle von Verdrängungen aus dem Kiez, Ausbau von Kontakten zwischen verschiedenen Einrichtungen und Initiativen im Kiez sowie auf fast allen Ratschlägen die Mitgestaltung der ‚Kiezwoche‘, einer jährlich Ende August/Anfang September veranstalteten Kultur- und Aktionswoche. Einen Bericht über die Geschichte der ‚Kiezratschläge‘ enthalten die Ausgabe Nr. 34 vom Frühjahr 2021 und die Nr. 42 vom Frühjahr 2025, in deer all diese Aktivitäten begleitenden Zeitschrift „Kreuzberger Horn“.  (Zurück-liegende Nummern sind einzusehen im Archiv unter
www.kreuzberger-horn.blogspot.com  )Auch Differenzen bis hin zu Herausbildungen bestimmter Flügel sind innerhalb des Zusammen-schlusses nicht unbekannt und erinnern in manchen Fällen an Spannungsfelder, die es in der  Geschichte der Dezentralisierung und Herausbildung von basisdemokratischen Grundsätzen immer wieder gegeben hat. Anlässe waren jetzt im Kiezbündnis etwa die Diskussionen um Modelle für eine Selbstverwaltung, als es um Organisationsfragen für ein in öffentlicher Hand befindliches Nachbarschaftszentrum bzw. einen ‚Kiezraum‘ ging.  Nicht ohne Grund entstanden in jüngerer in der Folge von Protestbewegungen die ‚Initiativen‘, die das Modell der Vereine mit einer eher ‚bürgerlichen‘ Organisationsform ersetzten.

Ausblicke örtlich und zeitlich

Die Förderung dezentraler Ausrichtungen in der Gesellschaft mag zu
der kaum wünschenswerten Neigung führen, das lokale Aktionsfeld, so etwa die Self-Government-Gruppe, wie sie in Huxleys Ausführungen skizziert wird oder das hier zuletzt beschriebene ‚Kiezbündnis‘ und dessen Umfeld quasi zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Die Beachtung einer Einbindung in globale Zusammenhänge wird stets erforderlich sein für dezentral und zugleich emanzipatorisch ausgerichtete Gemeinschaftsaktivitäten. Die in der Gegenwart international dominante ökonomische
Grundstruktur mit ihrem Auseinanderdriften des wachsenden Reichtums von Wenigen einerseits und zunehmender Armut andererseits wirkt konkret auch in den Kiez hinein und ist in absehbarer Zeit durch dezentrales Handeln vermutlich wenig beeinflussbar.  Es wird jedoch darum gehen, den gegenwärtigen Zuständen mit einem weiten Blick in die Zukunft zumindest in Ansätzen und exemplarisch entgegenzuwirken. Im Bereich des Umweltschutzes zur Abwendung von verheerenden Klimakata-strophen ist die Bedeutung dezentraler Aktionen vor Ort mit
dem Blick auf weltweite Entwicklungen für viele Menschen heute
besonders gut nachvollziehbar, etwa der Einsatz für die Erhaltung von
Grünflächen oder die Verminderung des Autoverkehrs. Auch hier sind
die Vernetzung und das voneinander Lernen über das Wohnumfeld hinaus bis hin zu internationalen Dimensionen förderlich, wie im Folgenden an einem Beispiel zu zeigen ist. Die berlinweite Kampagne zur Erstellung von „Kiezblocks“, d.h. von Wohngebieten ohne Kfz-Durchgangsverkehr und der Anlage von begrünten Stadtplätzen auf freigewordenen Flächen, orientierte sich, so wurde auf den Ankündigungen explizit mitgeteilt, an dem Vorbild der „Superilles“ (Superinseln) in Barcelona und damit einer Stadt, der in einer umfassenderen Geschichte von dezentral ausgerichteten
antiautokratischen Bewegungen sicherlich ein besonderer Platz
gebührte.

                                                       ***
Für die Aktivitäten vor Ort, von denen hier zuletzt die Rede war,
ergeben sich gegenwärtig durch die Einbindung in das ‚World Wide Web‘, in ‚Social Media‘ etc. noch wieder neue Fragen zur Zentra-lisierung und Dezentralisierung. Es entstehen Vernetzungen und
Ausweitungen hin zu vielen Einzelnen unabhängig von dirigierenden
staatlichen und anderen Machtinstanzen Instanzen. Das Internet konnte so groß werden, weil es keine zentrale Führungsebene hat, heißt es etwa in theoretischen Debatten dazu, aber dann wiederum wird auch auf die Tendenz zu Zentralisierungen seitens profitorien-tierter Unternehmen wie Google hingewiesen.
     Die totale Konzentration auf den sichtbaren physischen Ort hier
und jetzt und auf die Gruppe mit einer nach Huxleys Vorstellungen
begrenzten optimalen Anzahl von Teilnehmenden besteht nicht mehr,
immer mehr Menschen befinden sich in Gesprächen hier und zugleich woanders. Wenn Huxley, wie zuvor erwähnt, als Beispiel Jesus und seine zwölf Jünger für eine angemessene Gruppengröße anführt, dann müssten wir uns diese Zusammenkunft in gegenwärtige Zeiten übertragen so vorstellen, dass jeder der Jünger ein Smartphone in der Hand hält, Gespräche auch mit anderen irgendwo in der Welt führt und der Heiland Mühe hätte, die Aufmerksamkeit auf seine Worte zu lenken. Das könnte vielleicht Stoff für eine Verfilmung sein. Hier konnten solche Fragen zum Abschluss nur noch kurz angedeutet werden und bedürften ausführlicherer Erörterungen im Kontext des Themas Dezentralisierung.

 

 

 

 

Zur Widerständigkeit etablierter Medien im Verlauf gesellschaftlicher Fortentwicklungen

Zur Widerständigkeit etablierter Medien im Verlauf gesellschaftlicher Fortentwicklungen

Im Zuge von gesellschaftlichen Entwicklungen sowie von technischen Neuerungen entstehen oftmals neue Kommunikations- und Informationsmedien, die nach ihrem jeweiligen Aufstieg mitunter eine starke Dominanz erlangen und bisherige Medien verdrängen, ohne sie zumeist ganz zu ersetzen. Die in ihrer Präsenz häufig eingeschränkten älteren Medien, die oft vorschnell totgesagt werden, erfahren nicht selten eine neue Stärke, indem sie sich auf Funktionen der Vermittlung konzentrieren, die von den aufsteigenden neuen Medien nicht oder kaum bedient werden.

In meiner im Max Niemeyer Verlag veröffentlichten Habilitationsschrift mit dem Titel ‚Journalismus und Literatur‘ sowie dem langen Untertitel ‚Zum Verhältnis von Zeitungswesen, Literatur und Entwicklung bürgerlicher Öffentlichkeit in England im 17. und 18. Jahrhundert‘ (Tübingen 1983) wird gleich auf der zweiten Seite der Einleitung exemplarisch die Vision eines medialen Untergangs – das Ende der „poetry“ im Zuge des Aufstiegs der Zeitung als eines neuen Mediums – angedeutet, wenn der dort zitierte Herausgeber eines Essayperiodikums in der Ausgabe vom Februar 1701 schreibt, er sei irritiert über die Verkäufer auf den Straßen („the Hawkers“), die täglich laut die aktuellen Zeitungsnachrichten („Plots and Projects“) anpreisen, während die ebenso von ihnen angebotene Dichtung kaum noch beachtet werde: „… I find the Hawkers confounding with the medley of Wares, crying out aloud the Plots and Projects in one hand, whilst Poetry, having no Body to speak for it, and not being able to speak for itself, lies carelessly neglected in the other hand.“

     Die Zeitung erlebte in England eher als in anderen Ländern eine starke Verbreitung, wurde im Laufe der Zeit zum allgegenwärtigen Medium der öffentlichen Kommunikation und ist heute, über dreihundert Jahre später, obgleich inzwischen eingeholt von Radio- und Fernsehnachrichten sowie vom Internet, immer noch sehr mächtig präsent. Die Aufstiegsversion lag also nicht falsch, die indirekt angedeutete Perspektive eines Verschwindens von „Poetry“ war um 1700 jedoch total verfehlt, wenn wir an neue Blütezeiten der Versdichtung in späteren Epochen denken, in England an Gedichte von Wordsworth, Coleridge, Shelley, Keats und Byron oder später an solche von Tennyson, Eliot, Yeats u.a.m.. Als Nachrichtenvermittlerin, als „Broadside Ballad“, verlor die Versdichtung zweifellos ihre konkrete Bedeutung, die sie einstmals durchaus hatte, aber sie konzentrierte sich umso mehr auf andere auch bisher schon in ihr enthaltene Wirkungspotentiale wie die Entfaltung von utopischen Phantasien, die gedankliche Reflektion oder „the music of poetry“ (so ein von T.S. Eliot verwenderter Begriff) in der Sprachgestaltung.

Es gab später andere Totsagungen, so etwa der Malerei, als die Fotografie aufkam, des Theaters auf der Bühne nach der Verbreitung des Kinofilms und dann wieder dessen Verabschiedung, als das Fernsehen in alle Haushalte einkehrte – ein Medium, das sich gegenwärtig ungeachtet des Internets und ständiger Blicke auf das Smartphone weiterhin erhält.

Als eine besonders berühmte theoretische Auseinandersetzung mit solchen Entwicklungen ist Walter Benjamins Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (zum ersten Mal veröffentlicht in französischer Übersetzung im Jahre 1936, in Deutschland dann 1955 in Frankfurt/M.) anzuführen. Daraus seien hier zwei Sätze zitiert, die den viel beachteten Kernbegriff des Textes enthalten: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunstwerke verkümmert, das ist seine Aura. Der Vorgang ist symptomatisch, seine Bedeutung weist über den Bereich der Kunst hinaus.“ Benjamin geht bei seinen Beispielen auf neu entwickelte Drucktechniken ein, auf das Verhältnis von Theater und Kinofilm und insbesondere auch auf die Möglichkeiten der Fotografie.

      Um dem Eindruck entgegenzutreten, es handele sich hier theoriegschichtlich um eine gestrige Sichtweise, die den neuesten Entwicklungen im digitalen Zitalter nicht mehr adäquat sei, möchte ich als Hinweis zwei umfangreiche Bücher herausgreifen und einfach nennen. Das eine ist in englischer Sprache unter dem Titel ‚Walter Benjamin and Art‘ im Jahre 2005 im Continuum Verlag (London und New York) erschienen und enthält zum Abschluss zwei Essays, die „The Work of Art  in the Age of its Electronic Mutability“ und dann  „Rehearsing Revolution and Life – The Embodyment of Benjamin’s Artwork Essay at the End of the Age of Mechanical Reproduction“ überschrieben sind. Die Titel dieser Beiträge lassen in ihrer Formulierung bereits erkennen, dass in dem Buch auch die aktuelle Entwicklung des Eintritts ins digitale Zeitalter angesprochen wird.

     Die andere hier zu nennende Publikation, ein dreihundertseitiges Buch mit 18 Beiträgen, erschien im Jahre 2014 im Chronos-Verlag unter dem Titel: ‚Aura und Auratisierung. Mediologische Pespektiven im Anschluss an Walter Benjamin‘. Es liest sich als teilweise kontrovers geführte Debatte, geht dem Aura-Begriff auch historisch nach und weist auf das Problem hin, dass Benjamins Terminus manchmal missverstanden worden ist im Sinne einer esoterischen mystifizierenden Orientierung.

Im Folgenden soll hier zunächst  speziell auf Bedeutungsveränderungen des Kinofilms eingegangen werden. Es kam zu Schwanengesängen für dieses Medium in der Zeit des Aufkommens und der allseitigen Verbreitung des Fernsehens. Dass solche Prognosen in relativ hohen Graden zutrafen, lässt sich nicht leugnen.  In den 1950er Jahren etwa zog es große Massen noch ständig in die Kinos, von denen es unzählige gab, vielfach sogar in größeren Dörfern. Sie verschwanden im Fernsehzeitalter dann zu einem großen Teil.

     Ist es also gestorben, das Kino? Was ist dann mit den jährlichen Filmfestspielen in Locarno, Venedig und Cannes sowie der stark frequentierten Berlinale und den begehrten Auszeichnungen wie der Goldenen Palme, den Oscars, dem Goldenen Bären u.a.m.?

     Es sind nicht mehr die gleichen Arten von Filmen die in heutigen Kinos, im Vergleich mit denen in den 1950er Jahren, bevorzugt aufgesucht werden. Ein Krimi oder eine Krimiserie werden eher zu Hause vor dem Bildschirm voller Spannung verfolgt um dann, wenn der Mörder gefasst und die etablierte Ordnung wieder hergestellt wurde, entspannt ins Bett gehen zu können. Einen Aufstieg erlebten im Fernsehzeitalter dagegen die primär an ein Kinopublikum gerichteten sogenannten ‚Autorenfilme‘, in Deutschland u.a. die von Rainer Werners Fassbinder, Wim Wenders oder Helma Sanders-Brahms und in Großbritannien von ‚film makers‘ wie Kenneth Branagh, Bill Forsyth, Stephen Frears, Peter Greeneway, David Hare, Derek Jarman, Hanif Kureishi, Ken Loach, Mike Leigh oder Michael Winterbottom. Mit einigen von ihnen, wie etwa Ken Loach, habe ich ein Interview geführt für die von mir mit ins Leben gerufene und redaktionell betreute deutsch-englische Zeitschrift Hard Times. Sicherlich tauchten deren Filme dann zeitlich verschoben auch in den Fernsehprogrammen auf, aber oft eher zu später Stunde für ein begrenztes Zielpublikum.

    Zu den Interviews für Hard Times ist noch eine Anmerkung hinzuzufügen, etwa im Falle eines Interviews anlässlich einer Berlinale mit Tilda Swinton, die kürzlich auf der Berlinale 2025 noch einmal eine besondere Auszeichnung erhielt. Sie blätterte in den von mir mitgebrachten Hard Times-Heften herum, nahm das Layout und die Themen der Artikel wahr, betrachtete die zum Teil recht phantasievollen Cover-Gestaltungen, nickte anerkennend und war bereit zu dem Interview. Sie ließ sich, um Benjamins Begriff noch einmal heranzuziehen, wohl ein bißchen von der Aura unserer Zeitschrift beeinflussen.

 Abschließend sei hier der mediale Bereich der Zeitungen und Zeitschriften angesprochen. Einerseits ist als Signal für eine mögliche Bedrohung der Zeitung in Papierform öffentlich wahrgenommen worden, dass z.B. der Springer-Verlag aus finanziellen Gründen eine partielle Verabschiedung einiger seiner Blätter zugunsten von Online-Ausgaben realisierte. Andererseits ist gerade unter diesen Umständen auf die erstaunlich stark weiterbestehende Präsenz der Zeitungslandschaft überall in der Stadt in Form von Kiosken, in Supermärkten etc. hinzuweisen. Es hat in diesem Bereich in jüngerer Zeit verschiedentlich öffentlich geäußerte Hinweise auf die unersetzlichen kommunikativen Elemente der überkommenen Medien gegeben. Exemplarisch seien hier zwei in Berlin erscheinende Zeitungen, der Tagesspiegel und die linksorientierte Junge Welt, angeführt. Der Tagesspiegel enthält in seiner Ausgabe vom 4. November 2020 eine ganzseitige Anzeige mit dem Slogan „Print macht stark“ und einen Verweis dazu auf ein Portal im Internet, das also durchaus genutzt wird für die Botschaft, unter ‚printmachtstark.com‘. Wer sie aufruft, stößt auf zitierte Bemerkungen von Personen, die eine solche Ansicht unterstützen, so die auf englisch wiedergegebene Äußerung des Bestsellerautors Ken Follet: „We need the truth, and the truth needs print.“ 

     Die Junge Welt fasst in ihrer Ausgabe vom 1./2. Februar 2020 in einem Statement der Redaktion in mehreren Punkten ihre grundlegenden Aufgabenstellungen zusammen, zu denen die Intention gehört, wie es unter Punkt drei heißt, die Zustände nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verändern. Daran schließen sich die Sätze an: „Weil hierfür bestimmte Medien besonders geeignet sind, hat viertens der Kampf für die gedruckte und täglich erscheinende Tageszeitung an Bedeutung zugenommen. Das gilt auch für die von ihr abgeleitete Onlineausgabe der Jungen Welt, die sich an den Stärken der gedruckten Version orientiert (zum Beispiel hilfreiche Gewichtung und klare Eingrenzung) und gleichzeitig eigene Stärken zum Tragen bringt (etwa Verfügbarkeit, gezielter Zugriff, Themensammlungen). Grundsätzlich bleibt aber die gedruckte Ausgabe – viele Verlage verabschieden sich derzeit von diesem wichtigen Kulturgut.“ 

     Andere Aspekte von Vorteil und Nachteil der überkommenen Medien im Verhalten zur digitalen Sphäre seien hier noch kurz erwähnt. In dem 2013 in Oxford veröffentlichten Buch von Paul Cockshott, ‚Computation and its Limits‘, werden durchaus überzeugend die hoffnungsvollen und emanzipatorischen Seiten der Internetkommunikation sehr hoch eingeschätzt, die Möglichkeiten etwa der engagierten Vernetzung und Kommunikation. Zu beachten sind dann auch wiederum andere gegensätzliche Aspekte wie „Fake News“ im Internet, Hasstiraden, Ausspionierung zu politischen wie zu kommerziellen Zwecken u.a.m., zu denen es ebenfalls  Publikationen gibt.

     Die von mir und einem Team betreute Kiezzeitschrift Kreuzberger Horn will von Interessierten im Umfeld direkt gelesen werden, in Papierform, die Nachfrage ist nach dem Erscheinen jedesmal groß, aber die zurückliegenden Hefte sind in einem Blog dann auch im Internet zu lesen – so wie diese Website.

 

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